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Schneespur
Release und Roadmap · 9 min Lesezeit

Winterdienst-Software auf Klingonisch (und Französisch und Tschechisch)

Schneespur gibt es jetzt auch auf Klingonisch. Kein Mensch braucht das — und genau deshalb erzählt dieses Spaßmodul mehr über Open Source als jedes Feature-Versprechen. Plus: zwei Sprachpakete, die tatsächlich Sinn ergeben.

Von Michael Fuchs

Irgendwo da draußen räumt jemand Schnee und denkt auf Klingonisch

Statistisch muss es ihn geben. Irgendwo zwischen Hausmeisterdienst und Stützpunkt sitzt ein Mensch, der frühmorgens den Streuwagen belädt, abends Star Trek schaut und Klingonisch nicht nur erkennt, sondern liest. Genau für diesen einen Menschen gibt es jetzt das Klingonisch-Sprachpaket für Schneespur.

Das ist keine Marketing-Übertreibung mit anschließendem „April, April”. Schneespur läuft tatsächlich vollständig auf Klingonisch — jede Schaltfläche, jede Hilfeseite, jeder Einsatznachweis. Bevor wir dazu kommen, warum das existiert, kurz zu den beiden Sprachpaketen, die deutlich vernünftiger sind.

Zwei Pakete, die niemanden überraschen: Französisch und Tschechisch

Seit Kurzem gibt es Schneespur auch auf Französisch und Tschechisch. Das ist, ehrlich gesagt, nichts Besonderes — und soll es auch nicht sein.

Französisch ist praktisch für Betriebe in der Westschweiz (Romandie): Ein französischsprachiger Fahrer sieht die Oberfläche auf Französisch, der Rest des Betriebs bleibt auf Deutsch. Tschechisch zielt auf grenznahe Betriebe und den tschechischen Markt. Beide Pakete sind durchgängig in höflicher Anrede gehalten und folgen einer festen Winterdienst-Terminologie statt wörtlicher Wort-für-Wort-Übersetzung. Sprache lässt sich pro Benutzer einstellen oder mandantenweit als Standard.

Soweit das Erwartbare. Sprachpakete eben. Und dann ist da Klingonisch.

Braucht das jemand? Nein. Gibt es das trotzdem? Ja.

Seien wir deutlich: Kein Winterdienst-Betrieb der Welt braucht seine Software in der Sprache des klingonischen Imperiums. Es gibt keinen Business Case, keine Zielgruppen-Analyse, keinen Kundenwunsch im Ticketsystem.

Das Paket existiert nicht, weil es nötig wäre, sondern weil es möglich ist. Und das ist der eigentliche Punkt. Schneespur ist quelloffen, und das Sprachsystem ist offen aufgebaut: Wer eine Sprache beisteuern kann, kann sie beisteuern — der Kern muss dafür nicht angefasst werden. Klingonisch ist der Beleg, dass diese Offenheit kein Satz im Prospekt ist, sondern bis zur letzten, absurdesten Locale durchgezogen wird.

Anders gesagt: Wenn eine Software sogar auf Klingonisch läuft, dann läuft sie auch auf jeder Sprache, die Sie tatsächlich brauchen.

„Doch bIr” heißt Schnee — wie man Winterdienst übersetzt

Klingonisch ist keine zusammengewürfelte Geheimsprache, sondern eine durchkonstruierte Sprache mit eigener Grammatik, 1985 vom Linguisten Marc Okrand für die Star-Trek-Filme entwickelt. Eine Oberfläche darauf zu übersetzen heißt, echte Entscheidungen zu treffen.

Drei Beispiele, an denen man sieht, dass hier nicht einfach Wörter ersetzt wurden:

  • Klingonisch kennt kein „Sie” und kein „Du”. Es gibt keine Höflichkeitsform. Statt einer gestelzten Anrede steht der knappe Befehlston — „Löschen” wird schlicht zu Qaw', wörtlich „zerstören”. Was im Deutschen schroff klingt, ist hier kulturell genau richtig.
  • Wo ein Wort fehlt, wird beschrieben statt geborgt. Klingonisch hat kein Wort für Schnee, also wurde eines gebildet: Doch bIr — „kalte Substanz”. GPS wurde zu Daq 'angwI', einem „Ort-Zeiger”. Ein PDF ist nav De', „Papier-Daten”.
  • Groß- und Kleinschreibung sind bedeutungstragend. In der Okrand-Umschrift sind D H I Q S und der Apostroph eigene Laute. Q und q sind zwei verschiedene Buchstaben. Wer schludert, schreibt ein anderes Wort.

Das vollständige Glossar — vom Einsatz (Qu') über den Fahrer (DevwI') bis zum Erfolg (Qapla') — steht auf der Detailseite des Moduls.

Gibt es überhaupt Menschen, die so etwas wollen?

Hier wird es interessanter, als man denkt. Klingonisch ist die wahrscheinlich am ernsthaftesten gepflegte erfundene Sprache der Welt — und sie hat eine erstaunlich robuste Infrastruktur.

Das Klingon Language Institute wurde bereits 1992 gegründet, ist eine gemeinnützige Organisation und richtet seit 1994 jeden Sommer ein mehrtägiges Sprecher-Treffen aus, die qep’a’. Das ist keine Eintagsfliege, das läuft seit über drei Jahrzehnten.

Die Sprache hat es bis in ernsthafte Technik geschafft:

Bei den Sprecherzahlen sollte man ehrlich bleiben: Wirklich fließend sprechen es nur wenige — die Linguistin Arika Okrent schätzte 2009 eine Größenordnung von etwa 20 bis 30 fließenden Sprechern, daneben einige Tausend mit Grundkenntnissen. Dafür ist die kulturelle Reichweite enorm: Für Star Trek: Discovery wurden 2017 ganze Dialoge auf Klingonisch gedreht und von Sprach-Experten untertitelt.

Der „Markt” für Winterdienst-Software auf Klingonisch ist also winzig — vielleicht eine Handvoll Menschen weltweit. Aber er ist nicht null. Und er ist genau die Sorte Nische, die ein Open-Source-Projekt bedienen kann, ohne dass sich jemand rechtfertigen muss.

Was der Chef davon hat

Stellen wir uns vor, dieser eine Mitarbeiter findet Schneespur — über die Suche nach „Open-Source-Software auf Klingonisch”, nicht über die Suche nach Winterdienst-Software. Er installiert das Sprachpaket, freut sich, und geht seinem Chef so lange auf die Nerven, bis der sich die Sache ansieht.

Der Chef sieht dann etwas anderes als der Mitarbeiter. Er sieht eine kostenlose, quelloffene Software für die digitale Dokumentation von Winterdiensteinsätzen — mit GPS-Track, Wetterdaten und Foto-Nachweis, auf dem eigenen Webhosting, ohne Abo. Also genau das, wofür sonst Geld ausgegeben wird.

Und das Klingonisch-Paket? Ein Klick im Modul-Menü, dann ist es installiert, und der Mitarbeiter ist glücklich. Er feiert es jeden Morgen, wenn er die PWA auf dem Telefon öffnet und dort Qu' statt „Einsatz” steht. Der Chef dokumentiert seine Einsätze sauber. Beide bekommen, was sie wollen, aus derselben Software.

Braucht man das? Nein. Und genau das ist der Punkt.

Die meisten Softwares bleiben auf einer einzigen Spur. Funktionen entstehen aus Roadmaps, Kundenwünschen und Verkaufszielen. Das ist nicht falsch — aber es bringt selten ein Klingonisch-Sprachpaket hervor.

Schneespur ist Open Source und entsteht zu großen Teilen durch ausprobieren statt durchplanen. Dabei fallen Dinge ab, an die in einer klassischen Produktentwicklung niemand denken würde. Manche davon sind nützlich. Manche sind einfach nur möglich.

Braucht ein Winterdienst seine Software auf Klingonisch? Nein. Aber sie ist es jetzt — und das macht das ganze Projekt ein kleines Stück sympathischer. Wer mag, wirft einen Blick in die Modul-Übersicht. Die nützlichen Pakete stehen direkt daneben.

Qapla' — viel Erfolg.

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